DAS EVANGELIUM AUS DER SICHT DES SPIRITISMUS

Allan Kardec

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7. Im Volksmund heißt es, dass man den Glauben nicht erzwingen kann; daher sagen viele Leute, dass es nicht ihre Schuld ist, wenn sie keinen Glauben haben. Zweifellos kann man den Glauben nicht erzwingen, und was noch richtiger ist: der Glaube drängt sich nicht auf. Nein, man kann ihn nicht erzwingen, aber er kann erworben werden, und es gibt niemanden, dem es vorenthalten ist, ihn zu besitzen, auch nicht den Unzugänglichsten. Wir sprechen über die grundlegende geistige Wahrheit und nicht über diesen und jenen besonderen Glauben. Es obliegt nicht dem Glauben, den Menschen entgegenzugehen, sondern sie sind es, die ihm entgegengehen sollen, und wenn sie ihn mit Aufrichtigkeit suchen würden, fänden sie ihn. Seid euch sicher, dass diejenigen, die sagen: „Wir wünschen uns nichts mehr als zu glauben, aber wir können es nicht“, mit den Lippen sprechen und nicht aus dem Herzen, weil sie, während sie das sagen, sich die Ohren zuhalten. Die Beweise aber sind um sie herum reichlich vorhanden. Warum weigern sie sich, diese zu sehen? Bei einigen ist es die Gleichgültigkeit, bei anderen die Angst gezwungen zu werden, ihre Gewohnheiten ändern zu müssen; und bei der Mehrheit ist es der Hochmut, der es ablehnt, eine höhere Macht anzuerkennen, weil sie sich vor ihr beugen müssten.


Bei einigen Menschen scheint der Glaube irgendwie angeboren zu sein; ein Funke reicht, um ihn zu entwickeln. Diese Leichtigkeit, die geistige Wahrheit in sich aufzunehmen, ist ein deutliches Zeichen des früheren Fortschritts. Andere nehmen sie im Gegensatz dazu nur mit großen Schwierigkeiten in sich auf, kein weniger deutliches Zeichen einer rückständigen Natur. Die erstgenannten haben schon geglaubt und verstanden. Sie bringen bei der Wiedergeburt die Intuition von dem mit sich, was sie schon wissen; ihre Erziehung ist bereits abgeschlossen. Die zweitgenannten müssen noch alles lernen; ihre Erziehung liegt noch vor ihnen; sie wird stattfinden, und wenn sie nicht in dieser Existenz vollendet wird, so wird es in einer andern sein.


Der Widerstand des Ungläubigen liegt zugegebenermaßen oft weniger an ihm selbst, sondern an der Art und Weise, wie man ihm die Dinge aufgezeigt hat. Der Glaube braucht eine Basis, und diese Basis ist das vollkommene Verstehen dessen, was man glauben soll. Um zu glauben genügt es nicht zu sehen, es ist vor allem notwendig zu verstehen. Der blinde Glaube gehört nicht mehr diesem Jahrhundert an; also, genau das Dogma des blinden Glaubens ist es, das heute die Mehrheit zu Ungläubigen macht, weil es sich aufdrängen möchte und den Verzicht auf eins der wertvollsten Vorrechte des Menschen verlangt: das logische Denken und den freien Willen. Es ist insbesondere dieser blinde Glauben, gegen den sich der Ungläubige auflehnt und man kann mit Recht sagen kann, dass man den Glauben nicht erzwingen kann. Da dieser Glaube keinen Beweis akzeptiert, hinterlässt er im Geist eine Leere, aus der Zweifel entstehen. Der wohlbegründete Glaube, der sich auf Fakten und Logik stützt, hinterlässt keine Unklarheit. Man glaubt, weil man sich sicher ist, und man ist sich nur sicher, wenn man verstanden hat. Deshalb wankt er nicht; denn nur jener Glaube ist unerschütterlich, der zu allen Zeiten der Menschheit der Vernunft von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten kann.


Der Spiritismus führt uns zu diesem Ergebnis und besiegt daher die Ungläubigkeit immer dann, wenn er auf keinen systematischen und hartnäckigen Widerstand trifft.