DAS EVANGELIUM AUS DER SICHT DES SPIRITISMUS

Allan Kardec

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9. Die Rache ist eines der letzten Überbleibsel der barbarischen Sitten, die dazu tendieren, nach und nach aus dem menschlichen Bereich zu verschwinden. Sie ist, ebenso wie das Duell, eine der letzten Spuren dieser wilden Sitten, mit denen die Menschheit sich am Anfang der christlichen Ära bekämpfte. Darum ist die Rache ein sicheres Anzeichen für den unterentwickelten Zustand der Menschen, die sich ihr hingeben, und der Geister, die sie dazu inspirieren. Daher, meine Freunde, sollen diese Gefühle niemals das Herz von irgendeinem ergreifen, der sich Spiritist nennt oder behauptet, ein solcher zu sein. Wisst, sich rächen widerspricht so sehr dem Gebot Christi: „Verzeiht euren Feinden“, sodass derjenige, der sich weigert zu verzeihen, nicht nur kein Spiritist, sondern nicht einmal ein Christ ist. Die Rache ist eine ebenso unheilvolle Eingebung, wie die Falschheit und die Gemeinheit, die ihre beständigen Begleiter sind. Freilich rächt sich derjenige, der sich dieser verhängnisvollen und blinden Leidenschaft hingibt, fast nie öffentlich. Wenn er aber der Stärkere ist, stürzt er sich wie ein wildes Tier auf denjenigen, den er seinen Feind nennt, wenn dessen Blick seine Leidenschaft, seine Wut und seinen Hass zum Entflammen bringt. Häufiger gibt er sich jedoch einen heuchlerischen Anschein, indem er tief in seinem Herzen die bösen Gefühle verbirgt, die ihn erregen. Er nimmt Schleichwege, er verfolgt seinen Feind in der Verborgenheit, ohne ihn misstrauisch zu machen, und wartet auf einen günstigen Moment, ihn ohne Gefahr zu schlagen. Er versteckt sich vor ihm, und beobachtet ihn ständig. Er stellt ihm schreckliche Fallen auf und schüttet bei Gelegenheit Gift in seinen Becher. Wenn sein Hass nicht bis zu diesem äußersten Ende geht, greift er dessen Ehre an und alles, was diesem lieb ist. Er schreckt nicht vor der Verleumdung zurück und seine heimtückischen Unterstellungen, die auf eine geschickte Art in alle Richtungen ausgestreut werden, verbreiten sich unaufhörlich. Deshalb wundert sich derjenige, der verfolgt wird, wenn er da erscheint, wo seine Person schlecht gemacht wurde, dass er kalte Mienen vorfindet, wo er früher befreundete und wohlwollenden Gesichtern begegnete. Er ist erstaunt, dass die Hände, die früher die seinigen suchten, sich jetzt weigern, diese zu drücken. Schließlich ist er tief betrübt, wenn seine liebsten Freunde und seine Verwandten sich von ihm abwenden und ihn meiden. Ach! Der Feigling, der sich so rächt, macht sich hundertmal schuldiger als derjenige, der seinem Feind entgegentritt und ihn offen beleidigt.


Weg mit diesen wilden Bräuchen! Weg mit diesen Sitten von früher! Jeder Spiritist, der behauptet, heute noch das Recht, sich zu rächen zu haben, wäre unwürdig, länger noch zur Schar zu gehören, die sich folgenden Prinzip verschrieben hat: Außerhalb der Nächstenliebe gibt es kein Heil! Aber nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mitglied der großen spiritistischen Familie jemals in der Zukunft dem Impuls der Rache nachgeben könnte, sondern nur dem der Verzeihung. (Jules Olivier, Paris, 1862)