DAS EVANGELIUM AUS DER SICHT DES SPIRITISMUS

Allan Kardec

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Die nicht inkarnierten Feinde

5. Der Spiritist hat noch weitere Gründe, seinen Feinden gegenüber nachsichtig zu sein. Er weiß vor allem, dass die Bosheit kein dauerhafter Zustand des Menschen ist; dass sie die Folge einer vorübergehenden Unvollkommenheit ist; und dass - ebenso wie ein Kind seine Fehler verbessert - der böse Mensch eines Tages seine Fehler erkennen und sich in einen guten verwandeln wird.


Er weiß außerdem, dass der Tod ihn nur von der körperlichen Gegenwart des Feindes befreien kann, dass dieser ihn aber mit seinem Hass verfolgen kann, sogar nachdem er die Erde verlassen hat; folglich wird die Rache ihr Ziel nicht erreichen, im Gegenteil, sie ruft noch eine größere Verärgerung hervor, die sich von einer Existenz in die andere fortsetzen kann.


Es obliegt dem Spiritismus zu beweisen, durch die Erfahrung und das Gesetz, welches die Beziehung der sichtbaren mit der unsichtbaren Welt regelt, dass der Ausspruch: den Hass mit dem Blut auslöschen vollkommen falsch ist, denn die Wahrheit ist, dass das Blut den Hass sogar jenseits des Grabes aufrechterhält. Es obliegt dem Spiritismus, einen wirksamen Grund und einen praktischen Nutzen der Vergebung und des erhabenen Grundsatzes Christi zu geben: Liebt eure Feinde. Es gibt kein so böses Herz, das von gutem Verhalten nicht berührt würde, selbst unbewusst. Durch gutes Verhalten entkräftet man wenigstens den Vorwand der Vergeltung; aus einem Feind kann man sich einen Freund machen, vor und nach seinem Tod. Durch böses Verhalten verärgert man den Feind, daraus folgt, dass er dann sogar als Werkzeug der Gerechtigkeit Gottes dient, um denjenigen zu bestrafen, der nicht verzeihen konnte.


6. Man kann also unter den Inkarnierten und den nicht inkarnierten Feinde haben. Die Feinde der unsichtbaren Welt zeigen ihre Böswilligkeit durch die Besessenheiten und Unterjochungen, denen so viele Leute ausgesetzt sind und die eine der vielfältigen Prüfungen des Lebens sind. Diese Prüfungen dienen wie die anderen dem Fortschritt und sollen ergeben hingenommen werden, als Folge der niedrigen Natur des irdischen Planeten. Wenn es auf der Erde keine bösen Menschen gäbe, würde es um die Erde herum keine bösen Geister geben. Wenn man also Nachsicht und Wohlwollen gegenüber den inkarnierten Feinden haben soll, so soll man sie gleichfalls gegenüber den nicht inkarnierten haben.


Ehemals brachte man blutige Opfer dar, um die teuflischen Götter zu beruhigen, die nichts anderes waren als die bösen Geister. Auf die teuflischen Götter folgten die Dämonen, die dasselbe sind. Der Spiritismus hat bewiesen, dass diese Dämonen nichts anderes sind als die Seelen der bösen Menschen, die von den materiellen Instinkten noch nicht befreit sind; dass man sie nur durch Verzicht auf den Hass beruhigen kann, d.h. durch Nächstenliebe; damit die Nächstenliebe somit nicht nur bewirkt, sie von dem bösen Tun abzuhalten, sondern sie auf den Weg des Guten zurückzuführt und zu ihrer Rettung beiträgt. Daher ist der Grundsatz: Liebt eure Feinde, nicht auf den engen Kreis der Erde und des gegenwärtigen Lebens begrenzt, sondern er gehört zu dem großen Gesetz der universellen Solidarität und Brüderlichkeit.