DAS EVANGELIUM AUS DER SICHT DES SPIRITISMUS

Allan Kardec

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Vergessen der Vergangenheit

11. Vergeblich hält man das Vergessen für ein Hindernis, um die Erfahrung aus vorherigen Existenzen zu nutzen. Wenn Gott es für gut hält, einen Schleier über die Vergangenheit zu legen, bedeutet dies, dass es notwendig ist. Denn die Erinnerung würde folgenschwere Nachteile haben. Sie könnte uns in bestimmten Fällen in einer sonderbaren Weise demütigen oder auch unseren Stolz erregen und dadurch sogar unseren freien Willen hemmen. Sie würde jedenfalls unvermeidliche Verwirrungen in den Sozialkontakten verursachen.


Der Geist wird oft in demselben Milieu wiedergeboren, wo er schon gelebt hat und befindet sich in Beziehungen mit denselben Personen, um das Böse wiedergutzumachen, das er ihnen angetan hat. Wenn er in ihnen diejenigen erkennen würde, die er gehasst hat, könnte vielleicht der Hass wieder entstehen. Auf jeden Fall wäre er vor den Menschen, die er beleidigt hatte, gedemütigt.


Damit wir uns verbessern, gewährt Gott uns genau das, was wir brauchen und was uns genügt: die Stimme des Gewissens und die instinktiven Neigungen; ER nimmt uns weg, was uns schaden könnte.


Von Geburt an bringt der Mensch das mit, was er erworben hat. Er kommt auf die Welt mit dem, was er aus sich gemacht hat; jede Existenz ist für ihn ein neuer Ausgangspunkt. Ihn interessiert es nicht zu wissen, was er war: er wird bestraft, wenn er eine Übeltat begangen hat. Seine aktuellen bösen Neigungen sind das Überbleibsel, das in ihm noch zu verbessern ist; und darauf muss er seine ganze Aufmerksamkeit konzentrieren; denn das, was man vollständig verbessert hat, hinterlässt keine Spuren. Die guten Entschlüsse, die er getroffen hat, sind die Stimme des Gewissens,die ihn auf das Gute und das Böse hinweist und die ihm Kraft gibt, den Versuchungen zu widerstehen.


Außerdem kommt das Vergessen nur während des physischen Lebens vor. Kehrt der Geist in das geistige Leben zurück, erhält er auch die Erinnerungen an die Vergangenheit wieder; daher ist es nichts anderes als eine vorübergehende Unterbrechung, ähnlich der, die im irdischen Leben während des Schlafes passiert, was nicht daran hindert, uns am nächsten Tag daran zu erinnern, was wir am Vorabend und an vorhergehenden Tagen gemacht haben.


Es ist nicht nur nach dem irdischen Tod, dass der Geist die Erinnerung an die Vergangenheit wiederbekommt. Man kann sagen, dass er sie nie verliert, denn die Erfahrung beweist, dass der Geist innerhalb der Inkarnation, während des physischen Schlafes – wo er eine bestimmte Freiheit genießt – das Bewusstsein seiner vorherigen Taten hat. Er weiß dann, warum er leidet, und dass er zu Recht leidet. Die Erinnerung erlischt nur während der physischen Lebensphase. Aber mangels einer genaueren Erinnerung, die für ihn schmerzlich und schädigend bei seinen Sozialkontakten sein könnte, schöpft er in diesen Augenblicken der Befreiung der Seele neue Kräfte, falls er sie nutzen konnte.