DAS EVANGELIUM AUS DER SICHT DES SPIRITISMUS

Allan Kardec

Zurück zum Menü
KAPITEL V
Selig sind die Leidenden

• Gerechtigkeit der Leiden • Aktuelle Ursachen der Leiden • Vorherige Ursachen der Leiden • Vergessen der Vergangenheit • Gründe der Gelassenheit • Selbstmord und Wahnsinn. • Unterweisungen der geistigen Welt: Richtiges und falsches Leiden; Leiden und deren Heilmittel; Das Glück ist nicht von dieser Welt; Verlust geliebter Menschen; Frühtod; Wenn er ein guter Mensch gewesen wäre, wäre er gestorben; Freiwillige Qualen; Wirkliches Unglück; Die Schwermut; Freiwillige Prüfungen; Die wahre Aufopferung.

1. – Selig sind die, die weinen, denn sie werden getröstet. Selig sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt. Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich. (Matthäus, Kap.V, 4, 6, 10)

2. – Selig seid ihr, die ihr arm seid, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. (Lukas, Kap. VI, 20-21)

Aber wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost in dieser Welt. Wehe euch, die ihr satt seid, denn ihr werdet hungern. Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet gezwungen werden, zu heulen und zu weinen. ( Lukas, Kap. VI, 24-25)

Gerechtigkeit der Leiden

3. Die Kompensationen, die Jesus den Leidenden auf der Erde verspricht, können nur im zukünftigen Leben stattfinden. Ohne die Gewissheit über die Zukunft wären diese Grundsätze ein Widersinn, mehr noch, sie wären eine Täuschung. Sogar mit dieser Gewissheit versteht man schwerlich die Nützlichkeit des Leidens, um glücklich zu werden. Das ist so, sagt man, um mehr Verdienst zu haben. Aber man fragt sich dann: – Warum leiden einige mehr als andere? – Warum werden einige im Elend und andere im Reichtum geboren, ohne dass sie irgendetwas getan haben, das diese Lage rechtfertigen würde? – Warum haben einige keinen Erfolg, während bei anderen alles zu gelingen scheint?

Aber was man noch weniger versteht ist, dass das Gute und das Böse so ungleichmäßig zwischen Laster und Tugend verteilt sind; dass die tugendhaften Menschen leiden neben den Bösen, die gedeihen. Der Glaube an die Zukunft kann trösten und Geduld verschaffen, erklärt aber solche Anomalien nicht, die Gottes Gerechtigkeit zu widersprechen scheinen.

Sobald man jedoch Gott anerkennt, kann man sich IHN nicht ohne unendliche Vollkommenheit vorstellen. ER soll der Allmächtige, Gerechte, Gütige sein, andernfalls wäre ER nicht Gott. Wenn Gott souverän, gut und gerecht ist, kann ER weder aus einer Laune heraus noch mit Parteilichkeit handeln. Die Schicksalsschläge des Lebens haben also eine Ursache, und da Gott gerecht ist, muss diese Ursache gerecht sein. Das ist es, wovon sich jeder gut überzeugen sollte. Gott brachte die Menschen durch die Lehre Jesu auf die Spur dieser Ursache, und heute, da ER die Menschen für reif genug hält, um sie zu verstehen, offenbart ER sie vollständig durch den Spiritismus, d.h. durch die Stimme der Geister. Aktuelle Ursachen der Leiden

4. Es gibt zweierlei Arten von Schicksalsschlägen des Lebens, oder – wenn man es so sehen möchte – sie rühren aus zwei unterschiedlichen Quellen her, die zu unterscheiden wichtig sind. Die einen haben ihre Ursache im gegenwärtigen Leben, die anderen außerhalb dieses Lebens.

Indem man auf die Ursache der irdischen Leiden zurückgeht, wird man erkennen, dass viele eine natürliche Folge des Charakters und des Verhaltens derjenigen sind, die sie erdulden.

Wie viele Menschen fallen aufgrund ihrer eigenen Fehler! Wie viele sind Opfer ihrer Sorglosigkeit, ihres Hochmuts und ihres Ehrgeizes!

Wie viele Leute ruinieren sich aus Mangel an Ordnung und Beharrlichkeit, wegen des schlechten Benehmens und weil sie ihre Begierden nicht einschränken konnten!

Wie viele unglückliche Verbindungen gibt es, weil sie aus einem berechnenden Interesse oder aus Eitelkeit eingegangen wurden, wobei das Herz nicht mit einbezogen wurde!

Wie viele Streitigkeiten und verhängnisvolle Auseinandersetzungen hätte man mit mehr Mäßigung und weniger Empfindlichkeit vermeiden können!

Wie viele Krankheiten und Gebrechen sind die Folge von Unmäßigkeit und Übertreibungen aller Art!

Wie viele Eltern sind mit ihren Kindern unglücklich, weil sie deren schlechte Neigungen nicht von Anfang an bekämpft haben! Aus Schwäche oder Gleichgültigkeit haben sie in ihnen die Keime des Hochmutes, des Egoismus und der törichten Eitelkeit, die das Herz abstumpfen, sich entwickeln lassen. Später, wenn sie ernten, was sie gesät haben, wundern sie sich und regen sich über deren Respektlosigkeit und Undankbarkeit auf.

Alle diejenigen, die im Herzen durch die Schicksalsschläge des Lebens und Enttäuschungen betroffen sind, sollten ganz ernsthaft ihr Gewissen befragen; und indem sie nach und nach bis zur Quelle ihrer Leiden zurück gehen, mit denen sie geschlagen sind, werden sie erkennen, ob sie in den meisten Fällen nicht sagen müssen: „Wenn ich dies und jenes gemacht bzw. nicht gemacht hätte, wäre ich nicht in einer solchen Situation“.

Wem soll man die Schuld für all diesen Kummer geben, wenn nicht sich selbst? Der Mensch ist daher in vielen Fällen der Urheber seines eigenen Unglückes. Aber anstatt dies anzuerkennen, hält er es für einfacher und weniger demütigend für seine Eitelkeit, das Schicksal, die Vorsehung, die fehlenden Chancen und seinen schlechten Stern anzuklagen, während in Wirklichkeit sein schlechter Stern nur seine Nachlässigkeit ist.

Leiden dieser Art haben sicherlich einen bedeutenden Anteil an den Schicksalsschlägen des Lebens. Der Mensch wird sie vermeiden, wenn er an seiner moralischen und intellektuellen Verbesserung arbeitet.

5. Das menschliche Gesetz erfasst bestimmte Verstöße und bestraft sie. Der Verurteilte kann also erkennen, dass er die Konsequenzen für das, was er gemacht hat, zu spüren bekommt. Aber das Gesetz erfasst nicht alle Verstöße und kann sie auch nicht erfassen. Das Gesetz trifft insbesondere die Verstöße, die der Gesellschaft Schaden zufügen und nicht die, die nur denjenigen schaden, die sie begehen. Gott aber will den Fortschritt all SEINER Geschöpfe, und folglich lässt ER keine Abweichung vom geraden Weg unbestraft. Es gibt keinen Verstoß, egal wie klein er ist, und keine Übertretung seines Gesetzes, die keine, mehr oder weniger schwerwiegenden und unvermeidlichen Konsequenzen haben. Daraus folgt, dass der Mensch in den kleinen wie in den großen Sachen immer da bestraft wird, wo er gesündigt hat. Die daraus folgenden Leiden sind eine Warnung, dass er Fehler begangen hat. Sie geben ihm Erfahrung und lassen ihn den Unterschied zwischen dem Guten und dem Bösen erkennen, sowie die Notwendigkeit sich zu verbessern, um in der Zukunft zu vermeiden, was für ihn eine Leidensquelle war. Ohne das hätte er keinen Grund, sich zu verbessern; an die Straflosigkeit glaubend, würde er seinen Fortschritt und folglich auch sein zukünftiges Glück verzögern.

Aber die Erfahrung kommt manchmal etwas spät: wenn das Leben bereits vergeudet und getrübt ist; die Kräfte schon verbraucht sind und wenn das Übel nicht wiedergutzumachen ist, dann fängt der Mensch an zu sagen: „Wenn ich am Anfang meines Lebens gewusst hätte, was ich jetzt weiß, wie viele Fehler hätte ich vermeiden können! Wenn ich wieder anfangen sollte, würde ich mich ganz anders verhalten; aber die Zeit dafür gibt es nicht mehr!“ Wie der faule Arbeiter, der sagt: „Ich habe meinen Tag vergeudet“, sagt er sich auch: „Ich habe mein Leben verloren“. Aber genauso wie für den Arbeiter die Sonne am nächsten Tag wieder aufgeht und ein neuer Tag beginnt, der es ihm ermöglicht, die verlorene Zeit wiedergutzumachen, so wird für den Menschen ebenfalls – nach der Dunkelheit des Grabes – die Sonne eines neuen Lebens scheinen, in dem er die Erfahrungen der Vergangenheit und seine guten Vorsätze für die Zukunft nutzen kann.

Vorherige Ursachen der Leiden

6. Aber wenn es in diesem Leben Übel gibt, von denen der Mensch die Ursache ist, so gibt es auch andere, die ihm – zumindest scheinbar – völlig fremd sind und die ihn anscheinend wie ein unabwendbares Schicksal treffen. Ein solches Leid ist zum Beispiel der Verlust von geliebten Menschen und dem Ernährer der Familie; solche Leiden sind auch die Unfälle, die keine Voraussicht vermeiden konnte; Schicksalsschläge, die keine Vorsichtsmaßnahmen verhindern konnten; die natürlichen Geißeln, Behinderungen von Geburt an, vor allem diejenigen, die den Unglücklichen die Möglichkeit nehmen, ihren Lebensunterhalt durch die Arbeit zu verdienen: zum Beispiel die Missbildung, die Idiotie, der Kretinismus, usw.

Diejenigen, die unter solchen Umständen geboren werden, haben in der aktuellen Existenz bestimmt nichts gemacht, um ohne Ausgleich so ein trauriges Schicksal zu verdienen, welches sie nicht vermeiden konnten und von sich selbst aus nicht ändern können und das sie auf öffentliche Hilfe angewiesen sein lässt. Also warum gibt es solche unglücklichen Wesen, während neben ihnen, unter demselben Dach, in derselben Familie, andere in jeglicher Hinsicht begünstigt sind?

Was soll man von diesen Kindern sagen, die so jung sterben und im Leben nur das Leid kennen gelernt haben? Das sind Probleme, die noch keine Philosophie lösen konnte; Anomalien, die noch keine Religion rechtfertigen konnte und die die Verneinung der Güte, der Gerechtigkeit und der göttlichen Vorsehung wären, wenn man voraussetzt, dass die Seele gleichzeitig mit dem Körper erschaffen wird, und dass ihre Bestimmung nach einem kurzen Aufenthalt auf der Erde unwiderruflich festgelegt ist. Was haben diese Seelen gemacht, die gerade aus den Händen des Schöpfers hervorgekommen sind, um auf dieser Welt soviel Elend zu erleiden und um dann in der Zukunft irgendeine Belohnung oder Bestrafung zu erhalten, wenn sie weder das Gute noch das Übel tun konnten?

Aber aufgrund des Grundsatzes „jede Wirkung hat eine Ursache“, sind solche Miseren eine Wirkung, die eine Ursache haben müssen, und sobald man annimmt, dass Gott gerecht ist, dann muss diese Ursache auch gerecht sein. Wenn nun die Ursache immer vor der Wirkung steht, und da diese nicht im aktuellen Leben ist, muss sie sich im vorherigen Leben befinden, d.h. sie muss einer vorigen Existenz angehören. Da andererseits Gott jemanden weder für das Gute das er gemacht hat noch für das Böse das er nicht getan hat, bestrafen kann, bedeutet das, dass wenn wir bestraft werden, wir das Böse auch getan haben. Wenn wir dieses Übel nicht im gegenwärtigen Leben getan haben, dann haben wir es in einem anderen Leben getan. Das ist eine Alternative, aus der man nicht entfliehen kann, und wo die Logik zeigt, auf welcher Seite die Gerechtigkeit Gottes ist.

Also der Mensch wird nicht immer in seinem aktuellen Leben bestraft oder ganz bestraft; aber er entkommt nie den Konsequenzen seiner Verstöße. Das Gedeihen des Übels ist nur vorübergehend; wenn er seine Schulden heute nicht büßt, wird er morgen büßen, während derjenige, der leidet, gerade seine Vergangenheit abbüßt. Das Unglück, das auf den ersten Blick unverdient scheint, hat seine Daseinsberechtigung und derjenige, der leidet, kann immer sagen: „Verzeihe mir, Herr, denn ich habe gesündigt“.

7. Leiden aufgrund früherer Verfehlungen, die vor dem gegenwärtigen Leben stattgefunden haben, sowie die wegen der Fehler aus dem jetzigen Leben, sind oft die Folge des begangenen Verstoßes, d.h. durch eine streng verteilte Gerechtigkeit erträgt der Mensch das, was er anderen angetan hat: – falls er hart und grausam war, kann er seinerseits hart und mit Grausamkeit behandelt werden; – falls er hochmütig war, kann er in einem demütigenden Zustand geboren werden; – falls er geizig oder egoistisch war oder falls er sein Vermögen falsch verwendet hatte, kann ihm das Notwendigste entzogen werden; – falls er ein schlechter Sohn war, kann er unter seinen Kindern leiden, usw.

So erklären sich – durch die Pluralität der Existenzen und die Bestimmung der Erde als eine Welt der Sühne – die Anomalien der Verteilung von Glück und Unglück zwischen den Guten und Bösen auf Erden. Diese Anomalie existiert jedoch bloß scheinbar, nämlich dann, wenn einzig und allein nur das gegenwärtige Leben betrachtet wird. Wenn man sich aber durch die Gedanken so erhebt, dass eine Serie von Existenzen überblickt werden kann, wird man sehen, dass jeder den Teil bekommt, den er verdient, ohne Beeinträchtigung dessen, was ihm in der Welt der Geister zusteht, und dass die Gerechtigkeit Gottes niemals unterbrochen wird.

Der Mensch soll nie aus den Augen verlieren, dass er sich in einer niedrigen Welt befindet, wo er nur wegen seiner Unvollkommenheiten gehalten wird. Bei allen Schicksalsschlägen soll er sich sagen, dass dies nicht passiert wäre, wenn er einer fortgeschritteneren Welt angehören würde, und dass es nur von ihm abhängt, auf diese Welt nicht mehr zurückkehren zu müssen, indem er an seiner Verbesserung arbeitet.

8. Die Drangsale des Lebens können den Geistern auferlegt werden, die verhärtet oder zu unwissend sind, um in Kenntnis der Ursache eine Wahl zu treffen. Die Drangsale sind aber freiwillig gewählt und angenommen von den reumütigen Geistern, die das Böse, das sie getan haben, wieder gutmachen möchten und versuchen das Beste zu tun. Diejenigen, die ihre Aufgabe schlecht erfüllt haben, bitten darum, diese noch einmal von vorne beginnen zu dürfen, damit sie den Nutzen ihrer Arbeit nicht verlieren.

Die Drangsale sind daher gleichzeitig: Sühnen der Vergangenheit sowie Strafen und Prüfungen für die Zukunft, die von ihnen vorbereitet wird. Danken wir Gott, dass ER in SEINER Güte dem Menschen die Möglichkeit der Wiedergutmachung gewährt und ihn nicht wegen eines ersten Verstoßes unwiderruflich verurteilt.

9. Man soll aber nicht glauben, dass jedes auf dieser Welt erduldete Leiden unbedingt ein Hinweis auf einen bestimmten Verstoß sei. Oft sind es einfache, von dem Geist ausgewählte Prüfungen zwecks Vollendung seiner Läuterung und Beschleunigung seines Fortschritts. Die Sühne dient immer als Prüfung, aber nicht immer ist die Prüfung eine Sühne. Jedoch sind Prüfungen und Sühne immer Zeichen einer gewissen Mangelhaftigkeit, denn das, was perfekt ist, braucht nicht geprüft zu werden. Ein Geist kann also schon einen bestimmten Erhabenheitsgrad erreicht haben, aber weil er weiter fortschreiten möchte, bittet er um eine Mission, um eine Aufgabe, für die er – falls er sie siegreich bewältigt – umso reichlicher belohnt wird, je schwieriger der Kampf war. Solche sind insbesondere jene Menschen, deren Instinkte von Natur aus gut sind, deren Seelen erhaben sind, deren edelmütigen Gefühle bereits angeboren sind; Menschen, die scheinbar nichts Schlechtes aus ihrer vorherigen Existenz mitgebracht haben und die mit einer christlichen Gelassenheit die größten Leiden erdulden und die Gott nur um Kraft bitten, sie ohne Murren ertragen zu können. Man kann im Gegenteil dazu den Kummer, der die Menschen zum Murren anregt und zur Empörung gegen Gott aufbringt, als Sühne betrachten.

Zweifellos kann das Leiden, das kein Murren hervorruft, eine Sühne sein; aber es ist ein Zeichen dafür, dass es eher freiwillig ausgewählt wurde, als aufgezwungen. Das Leiden ist der Beweis eines starken Entschlusses, was ein Zeichen von Fortschritt ist.

10. Die Geister können nur nach dem vollständigen Glück streben, wenn sie rein sind: jeder Schandfleck verbietet ihnen den Eingang in die glücklichen Welten. Sie sind wie die Passagiere eines Schiffs, welche von der Pest befallen wurden und denen deshalb der Zutritt in die Stadt solange verboten wird, bis sie wieder geheilt sind. Es geschieht durch die verschiedenen physischen Existenzen, dass die Geister sich nach und nach von ihren Unvollkommenheiten befreien. Die Prüfungen des Lebens bringen sie vorwärts, wenn sie gut ertragen werden; als Sühne löschen und reinigen sie die Verstöße; sie sind das Heilmittel, das die Wunden reinigt und den Kranken heilt. Je größer das Übel, desto stärker muss das Heilmittel sein. Derjenige also, der viel leidet, muss sich sagen, dass er viel abzubüßen hat und soll sich über die baldige Heilung freuen. Es hängt von ihm ab, durch die Gelassenheit sein Leiden nützlich zu machen, anstatt durch sein Murren die Früchte zu verlieren, denn sonst müsste er wieder neu beginnen.

Vergessen der Vergangenheit

11. Vergeblich hält man das Vergessen für ein Hindernis, um die Erfahrung aus vorherigen Existenzen zu nutzen. Wenn Gott es für gut hält, einen Schleier über die Vergangenheit zu legen, bedeutet dies, dass es notwendig ist. Denn die Erinnerung würde folgenschwere Nachteile haben. Sie könnte uns in bestimmten Fällen in einer sonderbaren Weise demütigen oder auch unseren Stolz erregen und dadurch sogar unseren freien Willen hemmen. Sie würde jedenfalls unvermeidliche Verwirrungen in den Sozialkontakten verursachen.

Der Geist wird oft in demselben Milieu wiedergeboren, wo er schon gelebt hat und befindet sich in Beziehungen mit denselben Personen, um das Böse wiedergutzumachen, das er ihnen angetan hat. Wenn er in ihnen diejenigen erkennen würde, die er gehasst hat, könnte vielleicht der Hass wieder entstehen. Auf jeden Fall wäre er vor den Menschen, die er beleidigt hatte, gedemütigt.

Damit wir uns verbessern, gewährt Gott uns genau das, was wir brauchen und was uns genügt: die Stimme des Gewissens und die instinktiven Neigungen; ER nimmt uns weg, was uns schaden könnte.

Von Geburt an bringt der Mensch das mit, was er erworben hat. Er kommt auf die Welt mit dem, was er aus sich gemacht hat; jede Existenz ist für ihn ein neuer Ausgangspunkt. Ihn interessiert es nicht zu wissen, was er war: er wird bestraft, wenn er eine Übeltat begangen hat. Seine aktuellen bösen Neigungen sind das Überbleibsel, das in ihm noch zu verbessern ist; und darauf muss er seine ganze Aufmerksamkeit konzentrieren; denn das, was man vollständig verbessert hat, hinterlässt keine Spuren. Die guten Entschlüsse, die er getroffen hat, sind die Stimme des Gewissens,die ihn auf das Gute und das Böse hinweist und die ihm Kraft gibt, den Versuchungen zu widerstehen.

Außerdem kommt das Vergessen nur während des physischen Lebens vor. Kehrt der Geist in das geistige Leben zurück, erhält er auch die Erinnerungen an die Vergangenheit wieder; daher ist es nichts anderes als eine vorübergehende Unterbrechung, ähnlich der, die im irdischen Leben während des Schlafes passiert, was nicht daran hindert, uns am nächsten Tag daran zu erinnern, was wir am Vorabend und an vorhergehenden Tagen gemacht haben.

Es ist nicht nur nach dem irdischen Tod, dass der Geist die Erinnerung an die Vergangenheit wiederbekommt. Man kann sagen, dass er sie nie verliert, denn die Erfahrung beweist, dass der Geist innerhalb der Inkarnation, während des physischen Schlafes – wo er eine bestimmte Freiheit genießt – das Bewusstsein seiner vorherigen Taten hat. Er weiß dann, warum er leidet, und dass er zu Recht leidet. Die Erinnerung erlischt nur während der physischen Lebensphase. Aber mangels einer genaueren Erinnerung, die für ihn schmerzlich und schädigend bei seinen Sozialkontakten sein könnte, schöpft er in diesen Augenblicken der Befreiung der Seele neue Kräfte, falls er sie nutzen konnte.

Gründe der Gelassenheit

12. Durch diese Worte: „Selig sind die Leidenden, denn sie werden getröstet“, weist Jesus zugleich auf die Kompensationen hin, die die Leidenden erwartet und auf die Gelassenheit, die das Leid segnet, als Anfang der Heilung.

Diese Worte können auch so gedeutet werden: Ihr sollt euch glücklich schätzen zu leiden, weil eure Leiden hier auf Erden eure Schuld von vergangenen Verstößen sind, und diese Leiden, hier geduldig ertragen, euch Jahrhunderte von Leiden in den zukünftigen Leben ersparen. Ihr sollt also glücklich sein, dass Gott eure Schuld vermindert hat, indem ER euch erlaubt, sie jetzt wieder gutzumachen, was euch die Ruhe in der Zukunft garantiert.

Der Mensch, der leidet, ist ähnlich dem Schuldner einer beträchtlichen Summe, dessen Gläubiger sagt: „Wenn du mir heute noch ein Hundertstel deiner Schuld bezahlst, werde ich dir den Rest erlassen und du wirst frei sein; falls nicht, werde ich dich verfolgen, bis du die letzte Rate bezahlt hast“. Würde der Schuldner sich nicht freuen, alle Arten von Entbehrungen zu erdulden, um sich zu befreien, indem er nur das Hundertstel seiner Schuld bezahlen muss? Statt sich über seinen Gläubiger zu beschweren, sollte er ihm nicht dankbar sein?

So ist der Sinn dieser Worte: „Selig sind die Leidenden, denn sie werden getröstet“. Sie sind glücklich, weil sie ihre Schulden bezahlen, und nach der Bezahlung werden sie frei sein. Wenn aber der Mensch bei der Bezahlung einer Teilschuld sich wiederum neu verschuldet, wird er nie seine Befreiung erreichen können. Jeder neue Verstoß erhöht also die Schuld, denn es gibt keinen Verstoß, egal welcher, der keine zwingende und unvermeidliche Strafe nach sich zieht; wenn nicht heute, wird es morgen sein; wenn nicht in dem gegenwärtigen Leben, wird es im nächsten sein. Unter diesen Verstößen muss man an erste Stelle den Mangel an Unterwerfung gegenüber Gottes Willen stellen, denn, wenn man über den Kummer murrt, wenn man ihn nicht mit Gelassenheit und als etwas annimmt, das man verdient hat, wenn man Gott als ungerecht bezeichnet, zieht man neue Schuld auf sich, welche den Nutzen verlieren lässt, den man aus dem Leiden hätte ziehen können. Man muss dann wieder von Neuem beginnen; es ist genauso, als ob ihr bei einem Gläubiger, der euch quält, einen Teil eurer Schulden begleicht, aber gleich wieder ein neues Darlehen von ihm in Anspruch nehmt.

Bei seinem Eintritt in die geistige Welt ist der Mensch wie ein Arbeiter, der am Zahltag erscheint. Zu einigen wird der Herr sagen: „Hier ist der Lohn eurer Tagesarbeit“; zu anderen, den Glücklichen der Erde, die im Müßiggang gelebt haben, deren Glück aus den Befriedigungen ihrer Eigenliebe und weltlichen Genüssen bestanden hat, wird er sagen: „Ihr werdet nichts bekommen, denn ihr habt bereits auf Erden euren Lohn erhalten. Geht und fangt eure Arbeit wieder von vorne an“.

13. Der Mensch kann die Bitterkeit seiner Prüfungen mildern oder vergrößern, je nachdem wie er das irdische Leben betrachtet. Er leidet umso mehr, wenn ihm die Dauer des Leidens zu lang erscheint. Derjenige aber, der sich auf den Standpunkt des spirituellen Lebens stellt, erfasst auf einen Blick das physische Leben; er sieht es wie einen Punkt in der Unendlichkeit, begreift die Kürze des Lebens und sagt sich, dass dieser schmerzliche Moment sehr schnell vergehen wird. Die Gewissheit einer nahen glücklicheren Zukunft gibt ihm Kraft und Mut; und anstatt sich zu beklagen, dankt er dem Himmel für die Leiden, die ihn vorwärts bringen. Demjenigen, allerdings, der nur das physische Leben sieht, scheint dieses endlos, und das Leid lastet auf ihm mit seinem ganzen Gewicht. Das Leben auf die spirituelle Art und Weise zu betrachten führt dazu, dass die Wichtigkeit der weltlichen Dinge verringert wird, der Mensch dazu gebracht wird, seine Begierden zu begrenzen und sich mit seiner Position zufrieden gibt, ohne die anderen um die ihre zu beneiden und dass der moralischen Eindruck der Misserfolge und der Enttäuschungen, die er erleidet, gemildert werden.

Er schöpft daraus eine Ruhe und Gelassenheit, sowohl für seine körperliche Gesundheit wie auch für seine Seele; während er sich durch Neid, Eifersucht und Ehrgeiz freiwillig der Qual aussetzt und folglich die Miseren und die Ängste seiner kurzen Existenz vergrößert.

Selbstmord und Wahnsinn

14. Die Ruhe und die Gelassenheit, erlangt durch die Art und Weise wie man das irdische Leben betrachtet, und der Glaube an die Zukunft geben dem Menschen eine Ausgeglichenheit, die der beste Schutz vor dem Wahnsinn und Selbstmord ist. Es ist eine Tatsache, dass die meisten Fälle von Wahnsinn auf Erschütterungen zurückzuführen sind, die durch Schicksalsschläge verursacht wurden, die der Mensch nicht ertragen kann. Falls er jedoch auf die Art und Weise, wie der Spiritismus ihn die Dinge dieser Welt betrachten lässt, mit Gleichgültigkeit, oder sogar mit Freude die Misserfolge und Enttäuschungen annimmt, welche ihn unter anderen Umständen zur Verzweiflung bringen würden, ist es offensichtlich, dass diese Kraft, die ihn über die Ereignisse stellt, seinen Verstand vor Erschütterungen schützt, die ihn sonst ins Wanken bringen würden.

15. Dasselbe geschieht beim Selbstmord; wenn man von jenen absieht, die ihn im Zustand der Trunkenheit und des Wahnsinns begehen und die Unbewusste genannt werden können. Es ist unbestreitbar, dass die Ursache des Selbstmordes immer eine Unzufriedenheit ist, egal welche der Grund jedes einzelnen ist. Doch derjenige, der sich sicher ist, dass er nur für einen Tag unglücklich ist, und dass die kommenden Tage besser sein werden, wird sich leicht in Geduld fassen. Er verzweifelt nur dann, wenn er kein Ende für seine Leiden absehen kann. Und was ist die Dauer des menschlichen Lebens im Vergleich zur Ewigkeit? Doch viel weniger als ein Tag. Derjenige jedoch, der an die Ewigkeit nicht glaubt und meint, dass für ihn alles mit seinem Leben zu Ende geht, sieht nur im Tod eine Lösung für seine Leiden, wenn das Unglück und der Kummer ihn niederdrücken. Da er nichts erwartet, hält er es für natürlich und sogar sehr logisch, dass er seine Leiden durch Selbstmord verkürzt.

16. Die Ungläubigkeit, der einfache Zweifel an der Zukunft, kurz gesagt, die materialistischen Ideen, sind die größten Anreize zum Selbstmord; sie verursachen die moralische Feigheit. Wenn man die Wissenschaftler sieht, die sich – auf die Autorität ihres Wissens stützend – bemühen, ihren Zuhörern und Lesern zu beweisen, dass sie nach dem Tod nichts zu erwarten haben, bringen sie diese dadurch nicht zu der Schlussfolgerung, dass ihnen, wenn sie unglücklich sind, nichts Besseres übrig bleibt, als sich umzubringen? Was könnten sie ihnen sagen, um sie davon abzubringen? Welche Kompensation können sie ihnen anbieten? Was können sie ihnen geben? Hoffnung? Nein, nichts anderes als nur das Nichts. Also muss man folgendes daraus schließen: Wenn das Nichts das einzige heldenhafte Hilfsmittel, die einzige Perspektive ist, so ist es besser, sich sofort dort hineinfallen zu lassen und nicht noch zu warten, um die Leidenszeit zu verlängern.

Die Verbreitung der materialistischen Lehren ist also das Gift, das die Idee des Selbstmordes in viele Menschen einimpft, die sich umbringen; und diejenigen, die sich zu Aposteln einer solchen Lehre machen, übernehmen eine furchtbare Verantwortung. Mit dem Spiritismus – woran nicht mehr zu zweifeln ist – ändert sich der Aspekt des Lebens. Der Gläubige weiß, dass seine Existenz nach dem Grab unbegrenzt fortbesteht, wenn auch unter gänzlich anderen Bedingungen; was dazu führt, dass ihn die Geduld und die Gelassenheit auf eine sehr natürliche Weise davon ablenken, an Selbstmord zu denken. Kurz gesagt, er hat die moralische Stärke.

17. In dieser Hinsicht hat der Spiritismus noch ein anderes, ebenso positives und vielleicht noch entscheidenderes Ergebnis. Er zeigt uns die Selbstmörder selbst, die zu uns kommen und uns über ihre unglückliche Situation berichten und beweisen, dass niemand das Gesetz Gottes ungestraft verletzt, welches dem Menschen verbietet, sein Leben zu verkürzen. Unter den Selbstmördern gibt es welche, deren Leiden – auch wenn sie nur vorübergehend, also nicht ewig sind – nicht weniger schrecklich und so beschaffen sind, dass sie jeden zum Nachdenken führen, der vielleicht versucht wäre, von dieser Erde zu gehen, ohne dass Gott es gewollt hat. Der Spiritist hat also mehrere Motive, um den Gedanken des Selbstmordes entgegenzuwirken: – die Gewissheit eines zukünftigen Lebens, von dem er weiß, dass er umso glücklicher sein wird, je unglücklicher und ergebener er auf der Erde gewesen ist; – die Gewissheit, dass er, indem er sein Leben verkürzt, etwas ganz anderes erreicht als das, was er sich erhofft hat; – dass er sich von einem Übel befreit, um ein schlimmeres, längeres und grausameres zu bekommen; – dass er sich irrt, wenn er glaubt, dass er durch Selbstmord schneller in den Himmel kommt; – dass der Selbstmord ihn daran hindert, sich im Jenseits mit denjenigen zu treffen, die er geliebt hat, die er erwartet hat wiederzutreffen; woraus er folgern kann, – dass der Selbstmord, der ihm nur Enttäuschungen bringt, gegen seine eigenen Interessen ist.

Die Zahl der Selbstmorde, die durch den Spiritismus verhindert worden sind, ist beträchtlich und man kann daraus schließen, dass es keine bewussten Selbstmorde mehr geben wird, wenn alle Menschen Spiritisten sein werden. Wenn man also die Ergebnisse der materialistischen Lehren mit denen der spiritistischen Lehren nur unter diesem einen Aspekt des Selbstmordes vergleicht, erkennt man, dass die Logik der Erstgenannten zu Selbstmord führt, während die der anderen den Selbstmord abwenden, was durch die Erfahrung bestätigt worden ist.

Unterweisungen der geistigen Welt
Richtiges und falsches Leiden

18. Als Christus sagte: „Selig sind die Leidenden, denn ihrer ist das Himmelreich“, meinte Er im Allgemeinen nicht diejenigen, die leiden, denn alle, die sich auf der Erde befinden, leiden, egal ob auf einem Thron oder auf dem Stroh. Aber leider! Wenige können gelassen leiden; wenige können verstehen, dass nur die duldsam erlittenen Prüfungen sie zum Reich Gottes führen können. Die Mutlosigkeit ist ein Verstoß. Gott verweigert euch Tröstungen, weil es euch an Mut fehlt. Das Gebet ist eine Stütze für die Seele; aber es genügt nicht: Es ist notwendig, dass das Gebet sich auf einem festen Glauben an Gottes Güte beruht. ER hat euch oft gesagt, dass ER keine schweren Lasten auf schwache Schultern lädt. Die Last entspricht den vorhandenen Kräften, so wie auch die Belohnung der Gelassenheit und dem Mut entsprechen wird. Je schmerzlicher der Kummer war, umso größer wird die Belohnung sein. Aber diese Belohnung muss verdient werden und deswegen ist das Leben voller Widrigkeiten.

Der Soldat, der nicht an die Front geschickt wird, ist unzufrieden, weil die Ruhe im Lager ihm keine Beförderung ermöglicht. Seid also wie der Soldat und wünscht euch keine Ruhe, die euch nervös macht und eure Seelen erstarren lässt. Freut euch, wenn Gott euch in den Kampf schickt. Dieser Kampf – nicht das Kanonenfeuer der Schlacht – sondern die Bitterkeiten des Lebens sind es, in denen man manchmal mehr Mut braucht als in einer blutigen Schlacht; denn es ist nicht selten, dass derjenige, angesichts eines Feindes stark bleibt, bei einem seelischen Leid schwach wird. Der Mensch bekommt keine Belohnung für diese Art von Mut, aber Gott reserviert ihm die Siegeskrone und einen ruhmreichen Platz. Wenn bei euch ein Grund zum Leid oder zur Verärgerung entsteht, versucht ihn zu überwinden und wenn es euch gelingt, den Impuls der Ungeduld, des Zorns und der Verzweiflung zu beherrschen, sagt euch selbst voller gerechter Freude: „Ich war der Stärkere“.

„Selig sind die Leidenden“, kann man also auch so ausdrücken: „Selig sind diejenigen, die die Gelegenheit haben, ihren Glauben, ihre Entschlossenheit, Beharrlichkeit und Unterwerfung unter Gottes Willen zu beweisen, denn sie werden die Freude, die ihnen auf der Erde fehlt, hundertfach bekommen, und nach der Arbeit kommt die Ruhe. (Lacordaire, Havre, 1863)

Leiden und deren Heilmittel

19. Ist die Erde ein Ort der Freude, ein Paradies der Genüsse? Hallt die Stimme des Propheten nicht mehr in euren Ohren wider? Hat er nicht verkündigt, dass es Tränen und Zähneknirschen für diejenigen gäbe, die in diesem Leidental geboren würden? Ihr alle, die ihr hierher gekommen seid, um zu leben, macht euch gefasst auf quälende Tränen und bitteres Leid, und je stärker und tiefer eure Schmerzen sein werden, blickt zum Himmel und dankt dem Herrn, dass ER euch hat prüfen wollen. Oh Menschen! Ihr werdet die Macht eures Herrn erst erkennen, wenn ER die Wunden eures Körpers geheilt und eure Tage mit Seligkeit und Freude gekrönt hat. Ihr werdet SEINE Liebe erst erkennen, wenn ER euren Körper mit allen Herrlichkeiten geschmückt und ihm seinen Glanz und seine Reinheit zurückgegeben hat. Ahmt denjenigen nach, der euch als Vorbild gegeben wurde. Als Er die letzte Stufe der Abscheulichkeit und Erbärmlichkeit erreicht hatte und auf einem Misthaufen lag, sagte Er zu Gott: „Herr, ich habe alle Wonnen des Reichtums kennengelernt und Du hast mich in einen völlig erbärmlichen Zustand versetzt; danke, danke, mein Gott, dass DU DEINEN Diener hast prüfen wollen“. Wie lange noch werden eure Blicke am Horizont verweilen, der vom Tod gezeichnet ist? Wann wird sich eure Seele endlich jenseits der Grenzen eures Grabes emporschwingen? Wenn ihr euer ganzes Leben weinen und leiden müsstet, was wäre das neben der Ewigkeit des Ruhms, der für denjenigen bereitgehalten wird, der seine Prüfungen mit Glaube, Liebe und Gelassenheit erduldet hat? Sucht deshalb die Tröstungen für eure Leiden in der Zukunft, die Gott euch bereitet und sucht die Ursachen eurer Leiden in eurer Vergangenheit. Und ihr, die ihr am meisten leidet, haltet euch für die Glücklichen dieser Erde.

Im Zustand des nicht inkarnierten Geistes, als ihr in der geistigen Sphäre wart, habt ihr eure Prüfungen ausgewählt, weil ihr euch stark genug fühltet, um sie zu ertragen. Warum murrt ihr jetzt? Ihr, die ihr um Reichtum und Ruhm gebeten habt, um die Versuchung des Kampfes auszuhalten und zu siegen. Ihr, die ihr gebeten habt, mit Leib und Seele gegen das moralische und physische Übel zu kämpfen, wusstet, dass je stärker die Prüfung, desto glorreicher der Sieg wäre, und wenn ihr daraus triumphierend hervorkommt, wenn auch euer Körper auf einen Müllhaufen geworfen würde, würde er anlässlich seines Todes eine glänzend weiße Seele entfliehen lassen, gereinigt durch die Taufe der Sühne und des Leidens.

Also welches Hilfsmittel könnte man denjenigen verordnen, die von grausamen Besessenheiten und quälenden Leiden betroffen sind? Nur eins ist absolut sicher: der Glaube, der Blick zum Himmel. Wenn beim Anfall eurer grausamen Leiden eure Stimme für den Herrn singt, dann zeigt euch der Engel an eurem Bett mit seiner Hand das Zeichen der Rettung und den Platz, den ihr eines Tages bewohnen werdet. Der Glaube ist das sichere Heilmittel des Leids; er zeigt immer die Horizonte des Unendlichen, vor denen die wenigen düsteren Tage der Gegenwart verblassen. Fragt uns also nicht mehr, welches Heilmittel man anwenden soll, um dieses Geschwür oder jene Wunde zu heilen oder diese Versuchung oder jene Prüfung zu bewältigen. Erinnert euch daran, dass derjenige, der glaubt, durch das Heilmittel des Glaubens stark ist, und dass derjenige, der eine Sekunde an seiner Wirksamkeit zweifelt, sofort bestraft wird, weil er in diesem Augenblick die quälenden Ängste des Kummers fühlt.

Der Herr hat alle, die an IHN glauben, mit SEINEM Stempel gekennzeichnet. Christus sagte euch, dass man mit dem Glauben Berge versetzt, und ich sage euch, dass derjenige, der leidet und den Glauben als Stütze hat, unter seine Obhut gestellt wird und nicht mehr leiden wird. Die Momente der stärksten Schmerzen werden für ihn die ersten Kennzeichen der Freude der Ewigkeit sein. Seine Seele wird sich derartig vom Körper loslösen, dass – während dieser sich vor Krämpfen windet – sie in den himmlischen Regionen verweilt und mit den Engeln die Hymnen der Dankbarkeit, dem Herrn zur Ehre singen wird.

Glücklich diejenigen, die leiden und weinen! Ihre Seelen mögen sich freuen, denn von Gott werden sie Glückseligkeit erfahren. (Sankt Augustin, Paris, 1863)

Das Glück ist nicht von dieser Welt

20. Ich bin nicht glücklich! Das Glück ist nicht für mich gemacht! ruft im Allgemeinen der Mensch in allen Gesellschaftsschichten aus. Dies, meine lieben Kinder, beweist besser als alle möglichen Überlegungen die Wahrheit der Grundsatzes, den der Prediger Salomo so formulierte: „Das Glück ist nicht von dieser Welt“. In der Tat sind weder der Reichtum noch die Macht, und auch nicht die blühende Jugend wesentliche Voraussetzungen für das Glück. Ich sage sogar: „Nicht einmal die Vereinigung dieser drei so begehrten Voraussetzungen genügt, denn man hört unaufhörlich von Menschen jeden Alters im Milieu der privilegierten Schichten bittere Beschwerden über die Situation, in der sie sich befinden.

Vor solchem Ergebnis ist es unfassbar, dass die fleißigen und aktiven Gesellschaftsschichten mit so viel Gier die Position derjenigen beneiden, die das Glück begünstigt zu haben scheint. Auf dieser Welt, egal was man auch macht, hat jeder seinen Anteil an mühsamer Arbeit und Elend, an Leiden und Enttäuschungen; woraus man zweifelsohne schließen kann, dass die Erde ein Ort der Prüfungen und Sühne ist.

Daher irren sich diejenigen, die predigen, dass die Erde der einzige Aufenthalt des Menschen ist, und dass es ihm nur auf ihr und in einer einmaligen Existenz möglich ist, die höchste Stufe des Glücks zu erreichen, die seine Natur zulässt. Und sie betrügen diejenigen, die ihnen Gehör schenken, weil durch jahrhundertealte Erfahrung bewiesen worden ist, dass diese Welt nur ausnahmsweise die notwendigen Bedingungen für das vollständige Glück des Individuums bereithält.

Als allgemeine These kann man behaupten, dass das Glück eine Utopie ist, das alle Generationen nach und nach zu erringen versuchen, ohne es jemals zu erreichen. Denn, wenn der weise Mensch eine Seltenheit auf dieser Welt ist, trifft man den völlig glücklichen Menschen noch weniger.

Das, woraus das Glück auf der Erde besteht, ist eine so vergängliche Sache für denjenigen, der nicht vom Verstand geleitet wird, denn außer einem Jahr, einem Monat oder einer Woche vollständiger Freude verrinnt der ganze Rest der Existenz in einer Serie von Verdruss und Enttäuschungen. Und beachtet, meine lieben Kinder, dass ich von den Glücklichen der Erde spreche, von denen, die von der Masse beneidet werden.

Wenn also folglich der irdische Aufenthalt für die Prüfungen und Sühnen bestimmt ist, dann muss man wohl zugeben, dass es woanders begünstigtere Welten geben muss, wo der Geist des Menschen, zwar immer noch an einen materiellen Körper gebunden, die Fülle der Freuden des menschlichen Lebens genießt. Deswegen hat Gott euch in die Menge der Planeten diese schönen höheren Welten gestreut, von denen ihr durch eure Bemühungen und eure Neigungen eines Tages angezogen werdet, wenn ihr genügend gereinigt und vervollkommnet seid.
Dennoch folgert nicht aus meinen Worten, dass die Erde für immer prädestiniert ist, eine Strafanstalt zu sein. Bestimmt nicht! Denn aus den schon verwirklichten Fortschritten könnt ihr mühelos auf die zukünftigen Fortschritte schließen, und aus den bereits erreichten sozialen Verbesserungen, neue und ergiebigere. Das ist die immense Aufgabe, die die neue Lehre erfüllen muss, welche die Geister euch offenbart haben.

Also meine lieben Kinder, ein heiliger Eifer möge euch beleben, sodass jeder von euch energisch den alten Menschen ablegt. Ihr seid zur Verbreitung des Spiritismus verpflichtet, der schon zu eurer eigenen Erneuerung beigetragen hat. Es ist eure Pflicht, eure Brüder und Schwestern an den Strahlen des heiligen Lichts teilhaben zu lassen. Also an die Arbeit, meine sehr geliebten Kinder! Dass in dieser feierlichen Sitzung alle eure Herzen nach diesem großartigen Ziel streben: Eine Welt für die zukünftigen Generationen vorzubereiten, wo das Wort Glück nicht mehr ein leeres Wort sein wird. (François-Nicolas-Madeleine, Kardinal Morlot, Paris, 1863)

Verlust geliebter Menschen – Frühtod

21. Wenn der Tod in eure Familien kommt und ohne Einschränkungen die Jüngeren vor den Älteren hinwegrafft, pflegt ihr zu sagen: Gott ist ungerecht, denn ER opfert einen, der stark ist und eine großartige Zukunft vor sich hat, und lässt jene am Leben, die schon lange Jahre voller Enttäuschungen gelebt haben; denn ER nimmt die, die nützlich sind und lässt diejenigen, die zu nichts mehr taugen; und ER zerbricht das Herz einer Mutter, indem ER ihr das unschuldige Wesen entzieht, das ihre ganze Freude war.

Menschen, hier müsst ihr euch über das alltägliche Leben erheben, um zu verstehen, dass das Gute oft da ist, wo ihr meint das Übel zu sehen; die weise Vorsehung da, wo ihr glaubt, das blinde unabwendbare Schicksal zu sehen. Warum messt ihr die göttliche Gerechtigkeit an dem Wert eurer eigenen? Könnt ihr glauben, dass der Herr der Welten euch aus reiner Laune heraus grausame Strafen auferlegen möchte? Nichts geschieht ohne einen bestimmten Zweck, und egal was geschieht, alles hat eine Daseinsberechtigung. Wenn ihr jeden Kummer, der euch trifft, besser durchschauen würdet, würdet ihr in ihm immer die göttliche Vernunft finden, erneuernde Vernunft, und eure schäbigen Interessen wären so nebensächlich, dass ihr sie schließlich verwerfen würdet.

Glaubt mir, der Tod im Alter von 20 Jahren ist besser als diese schamhaften Regellosigkeiten, die ehrwürdige Familien betrüben, das Herz einer Mutter zerbrechen und frühzeitig die Haare der Eltern weiß werden lassen. Der frühe Tod ist oft ein großes Geschenk Gottes an denjenigen, der stirbt und der ihn so vor Lebensleid beschützt und vor Versuchungen, die ihn vielleicht ins Verderben gestürzt hätten. Derjenige, der im besten Alter stirbt, ist kein Opfer des Schicksals, denn Gott hält es nützlicher für ihn, nicht länger auf der Erde zu bleiben.
Es ist ein grausames Unglück, sagt ihr, dass ein Leben voller Hoffnung so früh genommen wird. Von welchen Hoffnungen sprecht ihr? Von den irdischen Hoffnungen, wo der Weggegangene hätte glänzen sowie Karriere machen und reich werden können? Immer dieser engstirnige Blick, der sich nicht über die Materie erheben kann. Wisst ihr, welches Schicksal dieses Leben – eurer Meinung nach, so voller Hoffnung – gehabt hätte? Wer sagt euch, dass es nicht durch bitteres Leid verkürzt worden wäre? Ihr haltet nichts von den Hoffnungen des zukünftigen Lebens und bevorzugt jene des vergänglichen Lebens, welches ihr auf der Erde vertrödelt? Denkt ihr also, dass eine hohe Stellung unter den Menschen mehr wert ist als eine unter den glückseligen Geistern?


Freut euch, anstatt euch zu beschweren, wenn es Gott gefällt, eines eurer Kinder aus diesem Tal des Elends herauszunehmen. Ist es nicht egoistisch zu wünschen, dass es da bleibt, um mit euch zu leiden? Ach! dieser Schmerz ist denkbar bei demjenigen, der keinen Glauben hat und im Tod eine ewige Trennung sieht. Ihr Spiritisten wisst doch, dass die Seele besser lebt, wenn sie von ihrer körperlichen Hülle befreit ist. Mütter, wisst ihr, dass eure geliebten Kinder nahe bei euch sind; ja, sie sind sehr nahe; ihre Perispirit umhüllen euch, ihre Gedanken schützen euch, eure Erinnerung an sie bereiten ihnen Freude; aber eure unvernünftigen Schmerzen bedrücken sie auch, weil sie mangelnden Glauben zeigen und eine Auflehnung gegen Gottes Willen sind.

Ihr, die ihr das spirituelle Leben versteht, hört die Pulsschläge eures Herzens, wenn ihr diese geliebten Wesen ruft und wenn ihr Gott darum bittet, sie zu segnen, werdet ihr in euch diese mächtigen Tröstungen spüren, die die Tränen trocknen, dieses wunderbare Streben, das euch die von dem souveränen Herrn versprochene Zukunft zeigen wird. (Sanson, ehemaliges Mitglied der Spiritistischen Gesellschaft von Paris, 1863)

Wenn er ein guter Mensch gewesen wäre, wäre er gestorben.

22. Wenn ihr von einem schlechten Menschen sprecht, der einer Gefahr entronnen ist, pflegt ihr zu sagen: „Wenn er ein guter Mensch gewesen wäre, wäre er gestorben“. Also, indem ihr so sprecht, sagt ihr eine Wahrheit, denn häufig geschieht es, dass Gott einem Geist, dessen Fortschritt erst anfängt, eine längere Prüfung auferlegt als einem Guten, der als Belohnung seines Verdienstes die Gnade bekommt, dass seine Prüfung so kurz wie möglich wird. Folglich, wenn ihr diesen Grundsatz anwendet, ahnt ihr nicht, dass ihr eine Gotteslästerung aussprecht.

Wenn ein guter Mensch stirbt, dessen Nachbar ein schlechter Mensch ist, sagt ihr: „Es wäre besser gewesen, wenn jener gestorben wäre“. Ihr macht einen großen Fehler, denn derjenige, der gestorben ist, hat seine Aufgabe beendet, und der Gebliebene hat seine vielleicht noch gar nicht angefangen. Warum also wünscht ihr, dass der schlechte Mensch keine Zeit bekommt, seine Aufgabe zu beenden, und dass der gute Mensch weiter mit der Erde verhaftet bleibt? Was würdet ihr von einem Gefangenen sagen, der seine Strafzeit beendet hat, aber weiter im Gefängnis festgehalten wird, gleichzeitig aber schenken sie die Freiheit einem, der kein Recht darauf hat? Ihr sollt wissen, dass die wahre Freiheit für den Geist in der Ablösung von den physischen Bindungen besteht, und dass ihr in Gefangenschaft lebt, solange ihr auf der Erde seid.

Gewöhnt euch daran, nicht zu tadeln, was ihr nicht verstehen könnt und glaubt daran, dass Gott in allem gerecht ist. Was euch oft als Böses erscheint, ist doch ein Gutes. Eure Fähigkeiten sind aber so begrenzt, dass eure stumpfen Sinne die Gesamtheit des Ganzen nicht wahrnehmen können. Bemüht euch in Gedanken aus eurer beengten Sphäre herauszugehen und je nachdem wie ihr euch erhebt, erfährt das materielle Leben in euren Augen eine geringere Wertung, es wird euch in der unendlichen Dauer eurer spirituellen Existenz – der einzig wahren Existenz – gleichsam wie ein Zwischenfall erscheinen. (Fenelon, Sens, 1861)

Freiwillige Qualen

23. Der Mensch ist unaufhörlich auf der Suche nach dem Glück, welches ihm immer wieder entflieht, weil es das reine Glück auf Erden nicht gibt. Trotz der Schicksalsschläge, die das irdische Leben unvermeidlich begleiten, könnte der Mensch jedoch zumindest ein relatives Glück genießen, wenn er das Glück nicht in den vergänglichen Dingen suchen würde, die ebenso an die gleichen Schicksalsschläge gebunden sind. So sucht er das Glück in den materiellen Genüssen statt in den Genüssen der Seele, die ein Vorgeschmack der unvergänglichen, himmlischen Genüsse sind. Statt den Frieden des Herzens zu suchen – das einzig wahre Glück auf dieser Welt – sucht er gierig alles, was ihn aufregt und beunruhigt. Merkwürdig! Es scheint so, als ob der Mensch sich absichtlich Qualen verschafft, die er leicht vermeiden könnte.

Gibt es größere Leiden als die durch Neid und Eifersucht verursachten? Für die neidischen und eifersüchtigen Menschen gibt es keine Ruhe; sie leben andauernd in einem fieberhaften Zustand. Wenn sie nicht haben, was andere besitzen, lässt sie das nicht schlafen. Die Erfolge ihrer Rivalen rufen Schwindelanfälle bei ihnen hervor. Ihr Bestreben ist einzig darauf ausgerichtet, andere in den Schatten zu stellen. Auch besteht ihre ganze Freude darin, bei gleichgesinnten Menschen die verzehrende Eifersuchtswut zu erregen. Arme Unvernünftige! In der Tat denken sie nicht einmal daran, dass sie vielleicht schon morgen diese ganze Lappalie loslassen müssen, deren Habgier ihr Leben vergiftet. Diese Worte passen gewiss nicht zu ihnen: „Selig sind die Leidenden, denn sie werden getröstet“, denn ihre Sorgen sind nicht diejenigen, die ihre Kompensation im Himmel haben.



Wie viel Leid wird im Gegenteil demjenigen erspart, der zufrieden ist mit dem, was er hat; der ohne Neid betrachtet, was er nicht besitzt; der nicht versucht mehr zu scheinen als er in Wirklichkeit ist. Dieser ist immer ein reicher Mensch, denn wenn er nach unten schaut und nicht nach oben, sieht er immer Menschen, die weniger haben als er. Er ist ruhig, weil er für sich keine utopischen Bedürfnisse schafft. Und die Ruhe, inmitten der Stürme des Lebens, ist sie nicht ein Glück? (Fénelon, Lion, 1860)



Wirkliches Unglück



24. Jeder spricht vom Unglück, jeder hat es schon mal erlebt und glaubt seinen vielfältigen Charakter zu kennen. Ich komme, um euch zu sagen, dass fast jeder sich irrt, und dass das wirkliche Unglück keinesfalls das ist, was die Menschen, d.h. die Unglücklichen, vermuten. Sie sehen das Unglück in dem Elend, in dem Kamin ohne Feuer, in dem drohenden Gläubiger, in der leeren Wiege ihres Kindes, das vorher darin lachte, in den Tränen, in dem Sarg, dem man mit unbedecktem Kopf und zerbrochenem Herzen folgt, in der Angst des Verrates, in der Entblößung des Hochmutes, der sich mit Purpur bekleiden wollte und der seine Nacktheit nur mit Mühe unter den Lumpen der Eitelkeit verstecken kann. Dies alles und noch vieles mehr bezeichnet ihr in eurem menschlichen Sprachgebrauch Unglück. Ja, dies ist das Unglück für diejenigen, die nichts außer der Gegenwart sehen. Aber das wirkliche Unglück liegt mehr in den Konsequenzen einer Sache als in der Sache selbst. Sagt mir, ob ein im Augenblick glückliches Ereignis, das aber verhängnisvolle Folgen hat, in Wirklichkeit nicht unglücklicher ist als jenes, das zuerst eine Unannehmlichkeit verursacht und am Ende Gutes hervorbringt. Sagt mir, ob das Gewitter, das eure Bäume zerschlägt, die Luft aber säubert, indem es die gesundheitsschädlichen Miasmen auflöst, die den Tod verursachen könnten, nicht eher ein Glück ist als ein Unglück.



Um eine Sache beurteilen zu können, müssen wir die Folgen davon sehen. Folglich, um zu erkennen, was für den Menschen wirklich glücklich oder unglücklich ist, muss man sich jenseits dieses Lebens versetzen, denn dort lassen sich davon die Konsequenzen spüren. Also alles, was er aus seiner kurzen Sicht heraus Unglück nennt, hört mit dem Leben auf und findet seine Kompensation im zukünftigen Leben.



Ich werde euch das Unglück auf eine neue Weise offenbaren, auf eine schöne und blühende Weise, die ihr mit der ganzen Kraft eurer getäuschten Seelen annehmt und ersehnt. Das Unglück ist die Lust, das Vergnügen, der Lärm, die grundlose Unruhe und die unsinnige Befriedigung der Eitelkeit, die das Gewissen zum Schweigen bringen, die Gedankentätigkeit unterdrücken und den Menschen hinsichtlich seiner Zukunft durcheinander bringen. Das Unglück ist das Opium des Vergessens, das ihr leidenschaftlich erstrebt.



Hofft, die ihr weint! Zittert, die ihr lacht, weil euer Körper befriedigt ist! Man betrügt Gott nicht und entkommt nicht seinem Schicksal; und die Prüfungen, welche erbarmungslosere Gläubiger sind, als eine aufgrund der Notlage tobende Horde, lauern eurer trügerischen Ruhe auf, um euch plötzlich in die Auseinandersetzungen des wahren Unglücks zu stürzen, eines Unglücks, das die durch Gleichgültigkeit und Egoismus erlahmte Seele ertappt.



Der Spiritismus klärt euch über Wahrheit und Irrtum auf, die auf so seltsame Weise durch eure Blindheit entstellt sind, und stellt beides wieder ins rechte Licht. Ihr werdet dann wie tapfere Soldaten handeln, die – weit davon entfernt, vor der Gefahr zu fliehen – die risikoreichen Kämpfe dem Frieden vorziehen, der ihnen weder Ruhm noch eine Beförderung einbringen kann! Was bedeutet es schon für einen Soldaten, im Kampf seine Waffe, sein Gepäck und seine Kleidung zu verlieren, wenn er als Sieger und mit Ruhm daraus hervorgeht? Was bedeutet es für denjenigen, der an ein Weiterleben in der Zukunft glaubt, auf dem Schlachtfeld des irdischen Lebens, sein Vermögen und seine physische Hülle zu lassen, sofern seine Seele strahlend in das Himmelsreich eingeht? (Delphine de Girardin, Paris, 1861)



Die Schwermut



25. Wisst ihr, warum ab und zu eine vage Traurigkeit von eurem Herz Besitz ergreift und deshalb das Leben für sehr bitter haltet? Es ist euer Geist, der sich nach Glück und Freiheit sehnt, aber in den Körper eingesperrt ist, aus dem herauszukommen er sich vergeblich bemüht. Indem er jedoch feststellt, dass seine Bemühungen nutzlos sind, verliert er den Mut und davon beeinflusst überfällt euren Körper, Wehmut, Niedergeschlagenheit und eine Art von Apathie und ihr fühlt euch unglücklich.



Glaubt mir, widersteht energisch diesen Eindrücken, die euren Willen schwächen. Dieses Sehnen nach einem besseren Leben ist dem Geist aller Menschen angeboren, sucht es aber nicht in dieser Welt. Und zur jetzigen Zeit, in der Gott euch SEINE Geister sendet, um euch über das für euch reservierte Glück zu unterweisen, wartet geduldig auf den Engel der Befreiung, der euch helfen wird, die Fesseln zu lösen, die euren Geist gefangen halten. Denkt daran, dass ihr während eurer Prüfung auf Erden eine Mission zu erfüllen habt, woran ihr nicht zweifeln dürft, sei es durch die Aufopferung für eure Familie, sei es durch die Erfüllung verschiedener Pflichten, die Gott euch auferlegte. Und wenn während dieser Prüfung und bei der Erfüllung eurer Aufgabe, ihr die Sorgen, die Unruhe, den Kummer auf euch stürzen seht, seid stark und mutig, um sie zu ertragen. Tretet ihnen offen entgegen; sie sind von kurzer Dauer und sollen euch zu den Freunden führen, die ihr beweint, und welche sich über euer Eintreffen bei ihnen freuen und euch die Arme entgegenstrecken, um euch an den Ort zu führen, zu dem die irdischen Leiden keinen Zutritt haben. (François de Genève, Bordeaux)



Freiwillige Prüfungen – Die wahre Aufopferung



26. Ihr fragt, ob es erlaubt ist, seine eigene Prüfung zu mildern. Diese Frage gleicht dieser anderen: Ist es demjenigen, der ertrinkt, erlaubt sich zu retten? Demjenigen, dem ein Dorn eingeschlagen ist, ihn zu entfernen? Demjenigen, der krank ist, den Arzt zu rufen? Die Prüfungen haben als Ziel, die Intelligenz auszubilden, wie auch die Geduld und die Ergebung. Ein Mensch kann in einer schmerzlichen und schwierigen Lage geboren werden, gerade um ihn zu zwingen, die Mittel zu suchen, um seine Schwierigkeiten zu bewältigen. Das Verdienst besteht darin, die Konsequenzen der Leiden, die man nicht vermeiden kann, ohne zu murren zu ertragen; den Kampf nicht aufzugeben; nicht zu verzweifeln, falls man keinen Erfolg hat, aber nicht aus Nachlässigkeit etwas geschehen zu lassen, das wäre Faulheit und keine Tugend.



Diese Frage führt uns natürlich zu einer anderen: Da ja Jesus sagte: „Selig sind die Leidenden“, ist es somit verdienstvoll, den Kummer zu suchen, um durch freiwilliges Leiden die eigenen Prüfungen zu verschlimmern? Diese Frage werde ich ganz deutlich beantworten: – Ja, es ist ein großes Verdienst, wenn mit den Leiden und durch die Entbehrungen das Wohl des Nächsten bezweckt wird, denn dann geschieht es durch die Aufopferung aus Nächstenliebe; aber nicht, wenn damit eigene Ziele verfolgt werden, denn dann ist es Egoismus durch Fanatismus.



Hier ist eine große Unterscheidung zu machen. Für euch persönlich, seid zufrieden mit den Prüfungen, die Gott euch schickt und vergrößert die Last nicht, die doch manchmal schon so schwer ist. Nehmt sie an, ohne zu murren und mit Glauben, dies ist alles, worum ER euch bittet. Schwächt euren Körper nicht mit unnützen Entbehrungen und Kasteiungen ohne Zweck, denn ihr habt eure ganzen Kräfte nötig, um eure Mission der Arbeit auf Erden zu erfüllen. Euren Körper freiwillig zu foltern und zu quälen hieße, das Gesetz Gottes zu übertreten, welches euch das Mittel gibt, ihn zu unterstützen und ihn zu stärken; ihn unnötig zu schwächen wäre wahrer Selbstmord. Benutzt, aber missbraucht nicht: so ist das Gesetz. Der Missbrauch der besten Sachen erwirkt die Bestrafung als unvermeidliche Konsequenz.



Ganz anders ist das Leid, das man sich auferlegt, um den Nächsten zu entlasten. Wenn ihr die Kälte und den Hunger ertragt, um denjenigen zu wärmen und zu ernähren, der es nötig hat, und wenn euer Körper darunter leidet, ist das eine von Gott gesegnete Aufopferung. Ihr, die ihr eure wohlriechenden Wohnräume verlasst, um Tröstung in die scheußliche Mansarde zu bringen; ihr, die ihr eure zarten Hände beschmutzt, um Wunden zu behandeln; ihr, die ihr auf das Schlafen verzichtet, um am Bett eines Kranken zu wachen, der für euch ein Bruder vor Gott ist; ihr, die ihr letztendlich eure Gesundheit bei der Ausübung guter Taten aufs Spiel setzt; hier ist eure Aufopferung, die wahre gesegnete Aufopferung, weil die Freuden dieser Welt eure Herzen nicht verhärtet haben. Ihr habt euch nicht von der aufreibenden Wollust eures Vermögens einschläfern lassen, sondern ihr habt euch zu tröstenden Engeln der Bedürftigen gemacht.



Aber ihr, die ihr euch von der Welt zurückzieht, um ihren Verführungen zu entgehen und von allem isoliert zu leben, welches ist euer Nutzen auf der Erde? Und wo ist euer Mut bei den Prüfungen, da ihr dem Kampf entflieht und desertiert? Falls ihr eine Kasteiung wollt, wendet sie bei eurer Seele an und nicht bei eurem Körper; kasteit euren Geist und nicht euer Fleisch; geißelt euren Stolz; empfangt die Erniedrigungen ohne zu klagen; kasteit eure Eigenliebe; stärkt euch gegen den Schmerz der Beschimpfungen und Verleumdungen, der stechender ist als körperlicher Schmerz. Hier ist die wahre Aufopferung, deren Verletzungen euch angerechnet werden, weil sie euren Mut und eure Unterwerfung unter Gottes Willen bezeugen. (Ein Schutzengel, Paris, 1863)



27. Soll man den Prüfungen des Nächsten ein Ende setzen, wenn man es kann, oder soll man sie aus Respekt vor dem Plan Gottes ihren Lauf nehmen lassen?



Wir haben euch gesagt und öfter wiederholt, dass ihr auf dieser Erde der Sühne seid, um eure Prüfungen zu beenden und dass alles, was euch zustößt, eine Folge eurer vorherigen Existenzen ist, der Anteil der Schuld, den ihr bezahlen müsst. Dieser Gedanke aber ruft bei einigen Personen Überlegungen hervor, die bekämpft werden müssen, da sie verhängnisvolle Folgen haben könnten.



Einige denken, weil man auf der Erde ist, um zu sühnen, müssen die Prüfungen ihren Lauf nehmen. Es gibt sogar einige, die denken, dass wir nichts machen sollen, um sie zu mildern, sondern im Gegenteil dazu beitragen, sie nützlicher zu machen, indem man sie erschwert. Dies ist ein großer Irrtum. Ja, eure Prüfungen sollen den Lauf nehmen, den Gott für sie geplant hat. Kennt ihr aber diesen Lauf? Wisst ihr, bis zu welchem Punkt die Prüfungen gehen sollen, und ob euer barmherziger Vater zu dem Leid dieser oder jener eurer Brüder und Schwestern nicht gesagt hat: „Stopp! Weiter nicht“? Wisst ihr, ob SEINE Vorsehung euch auserwählt hat, nicht als Instrument der Qual, um das Leid des Schuldigen zu erschweren, sondern als Balsam des Trostes, der die Wunden heilen soll, die SEINE Gerechtigkeit geöffnet hatte? Sagt also nicht, wenn ihr einen eurer betroffenen Brüder und Schwestern seht: „Dies ist die Gerechtigkeit Gottes und es ist notwendig, dass sie ihren Lauf nimmt“. Sagt euch im Gegenteil: „Ich sehe mal, welches Mittel der barmherzige Vater mir zur Verfügung gestellt hat, um das Leid meines Bruders und meiner Schwestern zu mildern. Ich will sehen, ob meine moralischen Tröstungen, meine materielle Unterstützung, meine Ratschläge ihm nicht helfen könnten, diese Prüfung mit mehr Kraft, Geduld und Gelassenheit zu bestehen. Ich will sogar schauen, ob Gott mir nicht das Mittel in die Hände gelegt hat, diesem Leid ein Ende zu setzen; ob es mir sogar als Prüfung gegeben worden ist, oder vielleicht als Sühne, das Leiden zu beenden und es durch Frieden zu ersetzen.



Helft euch stets bei euren jeweiligen Prüfungen und betrachtet euch nie als Instrument der Qual. Dieser Gedanke soll jeden guten Menschen, insbesondere jeden Spiritisten empören; denn der Spiritist soll die unendliche Ausdehnung der Güte Gottes besser als alle anderen verstehen. Der Spiritist soll denken, dass sein ganzes Leben eine Handlung der Liebe und Hingabe sein soll, und dass, egal was er auch macht, um den Entscheidungen des Herrn entgegenzutreten, SEINE Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt. Er kann sich daher ohne Furcht alle Mühe geben, um die Bitterkeit seiner Sühne zu mildern, wohl wissend, dass nur Gott sie beenden oder verlängern kann, je nachdem wie ER es für nötig hält.



Wäre es nicht ein großer Hochmut seitens des Menschen, sich sozusagen das Recht zu nehmen, die Waffe in die Wunde hineinzustoßen; die Giftmenge in der Brust des Leidenden unter dem Vorwand zu erhöhen, dass dies seine Sühne ist? Oh! Betrachtet euch immer als ein erwähltes Instrument, um das Leid zu beenden.



Fassen wir also zusammen: Ihr seid alle auf der Erde, um zu sühnen; ihr alle aber, ohne Ausnahme, sollt euch bemühen, die Sühne eurer Brüder und Schwestern zu mildern, gemäß dem Gesetz der Liebe und der Nächstenliebe. (Bernardin, Schutzgeist, Bordeaux, 1863)



28. Ein Mensch ringt mit dem Tode, Opfer von grausamen Schmerzen. Man weiß, dass sein Zustand hoffnungslos ist. Ist es erlaubt, ihm einige Momente der Angst zu ersparen, indem man sein Ende beschleunigt?



Wer würde euch das Recht geben, Gottes Vorhaben zu beurteilen? Kann ER nicht den Menschen bis an den Rand des Grabes führen, ihn dann von dort wieder weg ziehen, um ihm zu gewähren, zu sich selbst zu finden und seine Denkweise zu verändern? Egal zu welchem Endpunkt ein Sterbender auch gekommen sei, es kann keiner mit Sicherheit sagen, dass seine letzte Stunde gekommen ist. Hat sich die Wissenschaft noch niemals in ihren Prognosen geirrt?



Ich weiß wohl, dass es Fälle gibt, die man mit Recht als hoffnungslos betrachten kann; wenn es aber keine begründete Hoffnung mehr gibt auf Rückkehr zum Leben und zur Gesundheit, gibt es nicht doch unzählige Beispiele dafür, dass im Moment des Sterbens, beim letzten Seufzer, der Kranke erwacht und seine Fähigkeit für einige Momente wiederbekommt? Also, diese Stunde der Gnade, die ihm gewährt wird, kann von größter Bedeutung für ihn sein; denn ihr wisst nicht, welche Überlegungen sein Geist bei den Zuckungen des Todeskampfes machen konnte und welche Qualen ihm ein Blitz der Reue ersparen kann.



Der Materialist, der nur den Körper sieht und die Seele nicht berücksichtigt, kann diese Dinge nicht verstehen; der Spiritist aber, der weiß, was jenseits des Grabes passiert, kennt den Wert des letzten Gedankens. Lindert die letzten Schmerzen, soweit ihr könnt, hütet euch aber davor, das Leben zu verkürzen, auch wenn es sich nur um eine Minute handelt, denn diese Minute kann viele Tränen in der Zukunft ersparen. (Sankt Ludwig, Paris, 1860)



29. Derjenige, der die Lust am Leben verloren hat, es aber nicht selbst beenden möchte, wird er schuldig, indem er den Tod auf einem Schlachtfeld sucht, mit der Absicht, seinen Tod nützlich zu machen?



Ob der Mensch sich selbst tötet oder sich töten lässt, das Ziel ist immer noch, das Leben zu beenden, und somit besteht die Absicht des Selbstmordes, wenn nicht sogar die Tatsache.



Der Gedanke, dass sein Tod nützlich wäre, ist trügerisch; dies ist nichts anderes als ein Vorwand, um seine Handlung zu beschönigen und vor seinen eigenen Augen zu entschuldigen. Wenn er im Ernst den Wunsch gehabt hätte, seinem Land zu dienen, würde er eher leben wollen, um es zu verteidigen, anstatt zu sterben, denn als Toter kann er seinem Land nicht mehr nützlich sein. Die wahre Aufopferung beruht darin, keine Angst vor dem Tod zu haben, wenn es sich darum handelt, nützlich zu sein, der Gefahr zu trotzen, vorzeitig und ohne Reue sein Leben zu opfern, falls dies nötig ist. Den Tod aber vorsätzlich zu suchen, indem man sich einer Gefahr aussetzt, selbst um einen Dienst zu erweisen, annulliert das Verdienst dieser Handlung. (Sankt Ludwig, Paris, 1860)



30. Wenn ein Mensch sich einer bevorstehenden Gefahr aussetzt, um das Leben eines seiner Mitmenschen zu retten, vorher wissend, dass er selbst sterben wird, kann dann seine Handlung als Selbstmord betrachtet werden?



Sofern nicht beabsichtigt wird, den Tod zu suchen, handelt es sich nicht um Selbstmord, sondern um Aufopferung und Opferbereitschaft, trotz der Gewissheit, dass man dabei umkommen wird. Wer aber kann diese Gewissheit haben? Wer sagt denn, dass die göttliche Vorsehung für den gefährlichsten Augenblick nicht ein unerwartetes Mittel der Rettung bereit hält? Kann die göttliche Vorsehung nicht sogar denjenigen retten, der sich direkt vor dem Kanonenrohr befindet? Manchmal kann die göttliche Vorsehung eine Prüfung der Hingebung bis zum Äußersten führen und plötzlich verhindert ein unerwarteter Umstand den tödlichen Schlag. (Sankt Ludwig, Paris, 1860)

31. Arbeiten diejenigen, die ihre Leiden mit Gelassenheit annehmen, sich mit der Aussicht auf zukünftiges Glück dem Willen Gottes unterwerfen, nur für sich selbst, oder können ihre Leiden auch für andere nützlich sein?

Diese Leiden können für andere nützlich sein: materiell und moralisch. Materiell, wenn sie durch die Arbeit, die Entbehrungen und die Opferbereitschaft, die sie sich auferlegen, zum materiellen Wohl des Nächsten beitragen. Moralisch durch ihr Beispiel, das sie mit der Gehorsamkeit dem Willen Gottes gegenüber geben. Dieses Beispiel der Kraft des spiritistischen Glaubens kann die Unglücklichen zur Hingebung ermutigen, sie vor der Verzweiflung und deren verhängnisvollen Folgen für die Zukunft retten. (Sankt Ludwig, Paris, 1860)